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110827 - Das aktuelle Thema in Finnland: Urbevölkerung;
Die Samen, Lappen oder Finnen?

Vorwort

Die Samen sind eine ethnische Minorität in Norwegen, Schweden und Finnland; und auch auf der russischen Halbinsel Kola leben Samen. Das samische Gebiet erstreckt sich von Idre in Dalarna in Schweden bis hinunter nach Engerdal in der südnorwegischen Landschaft Hedmark, sowie nach Norden und Osten bis Utsjoki in Finnland, Varanger in Norwegen und zur Halbinsel Kola in Russland.

In dem Gebiet, das heute Teile von Norwegen, Schweden, Finnland und Russland umfasst, leben 1.5 Millionen Menschen. Davon können ca. 60 000 nach ihrer Kultur und Sprache der samischen Herkunft zugeordnet werden.

Herkunft

Die Herkunft des sámischen Volkes, dessen Sprache dem Finnischen ähnlich ist, deren Physiognomie aber kaum Ähnlichkeiten mit Norwegern, Schweden, Finnen oder Russen aufweist, mit denen sie ihr riesiges Land teilen, liegt immer noch im Dunkel. Woher kamen sie einst nach Norden und warum?

Könnte es wirklich möglich gewesen sein, dass sie bereits vor 10 000 Jahren in der eisfreien Zone der Eismeerküste lebten, isoliert von allen äußeren Einflüssen und daher ihr spezifisches Aussehen angenommen haben? Oder kamen sie ursprünglich gar nicht aus Osten - wie die meisten Wissenschaftler vermuten - sondern aus Westen, aus Mitteleuropa, die Küste entlang? Und kamen sie wegen des Pelzreichtums oder wurden sie von den sesshaften skandinavischen Bauern ganz einfach immer weiter in den Norden gedrängt? Immer neu entdeckte archäologische Funde lassen tiefer in dieses Geheimnis eindringen, durch neue Methoden und interdisziplinäre Forschung.

Vorstellung der finnischen Sámi

Nach vom finnischen Sámi-Parlament durchgeführten Untersuchungen gibt es in Finnland ca. 9 200 Sámi. Die von verschiedenen Seiten vorgenommenen Schätzungen weichen jedoch stark voneinander ab, so dass keine Zahl allgemein und endgültig Anerkennung gefunden hat.

Von den Finnlandsámi wohnen gut 4 000 in dem nach § 4 des Sámi-Parlamentsgesetzes festgelegten, 35 000 km² großen Heimatgebiet der Sámi, zu dem die Gemeinden Enontekiö, Inari und Utsjoki sowie das im nördlichen Teil der Gemeinde Sodankylä gelegene Gebiet der Rentierweidegemeinschaft Lapplands gehören. Die meisten wohnen im Süd-Finnland.

Auf dem samischen Gebiet Finnlands leben mehr als 11 000 Menschen, davon ca. 4 000 Sami

In diesem Territorium liegt auch das besondere Gebiet der Skoltsámi, denen dieses als Siedlungsgebiet nach dem Zweiten Weltkrieg zugewiesen wurde.

Während des Zweiten Weltkrieges gerieten die Skoltsami – im wahrsten Sinne des Wortes – zwischen die Fronten: Infolge der Kriegshandlungen um die Nickelvorkommen wanderten sie nach Finn­land aus und wurden in den Süden evakuiert. Als sie 1945 zurück in ihre angestammten Gebiete wollten, herrschten dort die Sowjets. Die Grenze war geschlossen, und so wurden die Skoltsami vom finnischen Staat nördlich des Inarijärvi angesiedelt.

Die Sámi bilden heute ein Drittel der gesamten Bevölkerung im Heimatgebiet der Sámi. Vor dem Zweiten Weltkrieg machten sie noch rund die Hälfte der in diesem Gebiet ansässigen Bevölkerung aus.

Nach einer vom finnischen Sámi-Parlament im Jahre 1999 durchgeführten Studie beträgt der Anteil der Sámi an der Bevölkerung der Gemeinde Utsjoki ca. 69,9 % (987 Personen), in Enontekiö macht dieser Anteil ca. 19,3 % (429 Personen), in Inari ca. 30,1 % (2 243 Personen) und in Sodankylä ca. 4,2 % (424 Personen) aus.

Die Formen der Erwerbstätigkeit, das Wohnniveau und die sozialen Verhältnisse der im Sámi-Heimatgebiet lebenden Sámi haben sich in den letzten Jahren denen der finnischen Hauptbevölkerung angeglichen.

Die Vorstellungen und Klischeés der Hauptbevölkerung der nordischen Länder sowie auch die der Ausländer über die Sámi und die Sámi-Kultur haben sich seit dem 17. Jahrhundert auf der Basis von Abenteuer- und Reiseliteratur sowie von Forschungsberichten herausgebildet. In der Epoche der nationalen Erweckung im 19. Jahrhundert bemühte man sich, ”das finnische Volk” näher zu bestimmen, und u.a. das Buch ”Unser Land” von Sakari Topelius nahm eine bedeutende Stellung unter den Definitionen des Finnentums ein. Im Zusammenhang mit der Erörterung des Finnentums wurden auch die Sámi zum Gegenstand des Interesses. Um die Jahrhundertwende zwischen dem 19. und dem 20. Jahrhundert entstand in Anlehnung an die darwinsche bzw. darwinistische Evolutionstheorie der Gedanke, dass die verschiedenen Völker sich nach ihrer jeweiligen Entwicklungsperiode in eine allgemeine Wertordnung einstufen lassen. Ein geringer entwickeltes Volk befand sich nach dieser Denkweise auf einer tieferen Stufe der Völkerleiter als ein höher entwickeltes Volk. Damit die Finnen ”als Nation unter die Nationen” aufgenommen werden konnten, mussten sie bestimmte Kriterien erfüllen. Am leichtesten gelang dies, wenn die äußeren Züge der finnischen und der Sámi-Kultur gegenüber gestellt würden. Der sesshafte und Ackerbau betreibende finnische Bauer rangierte auf der Werteskala ohne weiteres höher als der mit den Rentieren umherziehende Sámi. Desgleichen belegte die sog. Geschichtslosigkeit der Sámi deren Minderwertigkeit, gab es doch von den Finnen ihre Existenz bezeugende, bereits hunderte von Jahren alte historische Dokumente und ”Reliquien”. Auch hielt man die Finnen für ein Volk, das eine eigene Kultur geschaffen hat, während man hingegen von den Sámi behauptete, sie hätten sich die Errungenschaften der finnischen Kultur nur angeeignet und bewahrt. Als Beweis hierfür führte man u.a. Gegenstände an, die die Finnen bereits aufgegeben hatten, die die Sámi jedoch noch benutzten.

Seit den 1970er-Jahren ist man bemüht, den in früheren Publikationen auftretenden Ausdruck Lappe, ”lappalainen”, durch die Bezeichnung Sámi, "saamelainen", zu ersetzen. Die heutige Geschichtsschreibung verallgemeinert die Bezeichnungen "finni", "lappalainen" und "saamelainen" zu weitgehenden Synomymen. In der neueren Geschichtsschreibung stellt man klar, dass die Finnen die Bezeichnung "saamelainen" für die Lappen von alters her nicht benutzt haben. Die junge Geschichte der Bezeichnung Sámi bezeugt auch die Tatsache, dass die alten Volksgedichte jene nicht kennen. Die Sámi waren für die Finnen bis in die jüngste Zeit hinein Lappen, ganz im Sinne des Beitrags von Prof. Vahtola.

Nach der heutigen Gesetzgebung bedeutet Sámi eine auf Grund der Sprache vorgenommene Definition, die nach geläufiger Rechtspraxis die frühesten Bewohner Lapplands, die Kvenen, unabhängig von deren anerkanntem historischem Ursprung nicht mit einbezieht.

Im geläufigen Sprachgebrauch bedeutet das Sámitum heute den vom Sámi-Parlament festgelegten Begriff. Dieser bietet jedoch keine Grundlage für die Überprüfung von Landrechten. Die Beziehung der Sámi zu der die Ländereien betreffenden Besitzrechtsfrage ist keine bloße Sprachenfrage. Aus dem gleichen Grund können keine Rechte daraus abgeleitet werden.

Unter Lappen bzw. Kvenen versteht man im Allgemeinen jene Bewohner, die sich bei der Geltendmachung von Rechtsansprüchen auf Urkunden stützen können. Die neue Forschung bestätigt diese Rechte in Form von Privateigentum. Ein Teil der Sámi kann mit den Kvenen/Lappen gleichgerichtete Rechtsansprüche anmelden, die sich auf Urkunden berufen können. Die Rentierlappen/Rentiersámi hingegen sind von den 1670er Jahren an von anderswo in das Gebiet gezogen und haben sich danach vor allem über Norwegen in den Gebieten der Gemeinden Utsjoki und Inari ausgebreitet. Deshalb sind bei einer Analyse des Ursprungs der Sámi diese Hinweise zu berücksichtigen.

Die Sprache und Kultur

Das sámische Wort "Sapmi" ist die eigene Bezeichnung der Sámen für ihr Land und ihr Volk. Aus diesem Wort wurde im Schwedischen "Sámer", im Finnischen "saamelaiset", im Englischen "sami people" und im Deutschen "die Sámen" abgeleitet. Da der früher gebräuchliche Begriff "Lappen" in der sámischen Bevölkerung einen abwertenden Beigeschmack hat, wird er auch hier vermieden.

Als wichtigstes Kriterium für die Zugehörigkeit zum sámischen Volk gilt die Beherrschung der sámischen Sprache. In Finnland zum Beispiel wird jemand als Sáme nur dann betrachtet, wenn er sámisch spricht, beziehungsweise wenn von den Eltern oder Großeltern mindestens ein Teil Sámisch als Muttersprache gesprochen hat. Sámisch gehört zur finno-ugrischen Sprachgruppe und ist unter anderem mit Finnisch, Estnisch und Ungarisch verwandt. Die sámische Sprache gliedert sich in neun Einzeldialekte, die drei größeren Gruppen zugeordnet werden. Die vorherrschende Dialektgruppe ist Nordsámisch; es wird von 80 Prozent der Sámen gesprochen. Als Landessprache ist Sámisch bisher aber in keinem Staat anerkannt. Sie ist jedoch seit 1992 offizielle auf samischen Gebiet.

Wer hat das Landbesitzrecht?

Nach heutigem Recht sind Samen nicht Eigentümer ihres Landes - obwohl in jüngster Zeit diese Rechtsfrage wieder kontrovers diskutiert wird -, sondern üben in bestimmten Arealen weitgehende Nutzungsrechte aus. Diese Areale waren früher mit Grenzsteinen gekennzeichnet und konnten unter den Samen verkauft, vererbt oder verschenkt werden. Es hatte deswegen erhebliche Konsequenzen, als die Grenzen Norwegens, Schwedens und Finnlands geschlossen wurden. Dieser Verwaltungsakt unterbrach zum Beispiel die jahrhundertealten Wanderwege der finnischen und schwedischen Berg-Samen an die Eismeerküste. Einige Familien lösten das Problem, indem sie stattdessen in die östlichen Waldgebiete Finnlands zogen und sich den dortigen Lebensbedingungen anpassten.

Das finnische Parlament hat sowohl mit der Verabschiedung des Gesetzes zum Sami-Parlament (1996) als auch mit einer entsprechenden Ergänzung im Grundgesetz, in keinerlei Art und Weise zu Fragen des Landrechts Stellung genommen, da Streitfragen bezüglich des Landrechts im finnischen Rechtssystem in der Regel nur von Gerichten entschieden werden. Die Anerkennung der Samen als Urbevölkerung Finnlands entscheidet auch nicht über Fragen, inwieweit andere Bevölkerungsgruppen Rechte haben oder ihnen diese zustehen. Die Einhaltung des ILO-Vertrags setzt nicht voraus, dass anderweitige Landnutzungen auch von Dritten ausgeschlossen sind. Dessen ungeachtet sichert die aktuelle Gesetzgebung den Samen schon jetzt vielfältige Erwerbstätigkeitsrechte zu, sowohl auf den traditionell samischen als auch auf den staatlichen Ländereien.

Gemäß des finnischen Rechtssystems können die Samen, wie alle anderen finnischen Staatsbürger auch, in Streitfragen bezüglich des Landbesitzes die Gerichte anrufen. In Schweden versuchten die Samen z. B. 20 Jahre lang über den Rechtsweg ihre Rechte einzufordern, indem sie den Staat verklagten. Das Höchste Gericht entschied letztlich in seinem Urteil, dass die von den Samen erhobenen Ansprüche auf Landbesitz, die sich aus den sogenannten Fjell-Steuerdokumenten ableiten lassen, bereits Ende des 18.Jahrhundert im Zuge der Umgestaltung der Gesellschaft ihre Geltung erloschen wären.

Diejenigen, die am lautesten in dieser Angelegenheit tönen, haben bisher keine rechtshistorischen Dokumente zur Unterstützung ihrer Forderung vorlegen können, denn der Großteil der Rentiersamen ist erst nach 1852 nach Finnland gezogen, so dass sie hier keinerlei ältere Besitzansprüche haben können. Im Unterschied dazu haben die Familien der Fischer- und Waldsamen zur Unterstützung ihrer Forderung Dokumente vorgelegt, die schon aus dem 16. Jahrhundert stammen. Und ihre Rechte sind in der großen Flurbereinigung (1926-1959) und der damit verbundenen Gewässerbezirksbereinigung ( 1984-1995) korrekt berücksichtigt worden.

Die Möglichkeiten der Samen, ihre Sprache und Kultur in Finnland aufrechtzuerhalten, sind durch ihre undefinierte verwaltungsmäßige Position und durch die nicht vorhandenen Gesetze geschwächt. In der gegenwärtigen Situation sind die Rechte der Samen als Ureinwohner nicht in dem Maße verwirklicht worden, wie sie in den internationalen Menschenrechtsverträgen definiert werden. Um die Situation zu verbessern, hat das finnische Parlament im Jahre 1993 beschlossen, daß das ausreichende Niveau der samischen Sprache und Kultur aufgrund einer Kulturautonomie zu sichern sei. In 1995 hatte das finnische Parlament einem Vorschlag der finnischen Regierung zu einem neuen Gesetz zugestimmt. Dies soll den Samen die Pflege und die Entwicklung ihrer Sprache und Kultur garantieren.

Außerdem wurde dem Grundgesetz eine Ergänzung hinzugefügt, der zufolge die Samen in ihrer samischen Heimat selbst über die Angelegenheiten bestimmen, die ihre Sprache und Kultur betreffen. Als Selbstverwaltungsorgan der Samen sollte die samische Vertretung "Sami Parlamenta" arbeiten, die vorerst jedoch über keine bedeutende Entscheidungsgewalt verfügen würde. Das neue Selbstverwaltungsgesetz schafft den finnischen Samen trotzdem zum ersten Mal den Rahmen, die Mittel zur Förderung ihrer Sprache und Kultur zu wählen. Das neue Gesetz verpflichtet auch die Beamten, über alle die Samen betreffenden Angelegenheiten zu diskutieren. Das Nichtvorhandensein einer solchen Verpflichtung empfanden die Samen früher als einen erheblichen Mangel.

Laut finnischer Gesetzgebung sind die Sámi wie auch alle anderen Bürger des Landes berechtigt, bei Streitfragen in Bezug auf den Grundbesitz die Gerichte anzurufen. Die jüngsten Gerichtsurteile zeigen, dass lediglich schriftlich dokumentierte Beweise relevant sind.

Die Gerichtsurteile bestätigen außerdem, dass diejenigen, die ihre Ansprüche am lautstärksten vorbringen, zur Untermauerung ihrer Forderungen keine rechtshistorischen Dokumente vorlegen können. Die Rentier-Sámi zogen größtenteils erst nach 1852 nach Finnland und haben keinerlei alte Besitzrechte auf Gebiete in Inaris historischem Lappendorf. Deshalb haben sie auch keinen Anspruch auf Rückgabe von etwas, das sie in Finnland nie besessen haben. Die von Fischerei und Wald lebenden Sámi-Familien hingegen konnten zur Unterstützung ihrer Forderungen Dokumente vorlegen, die bis in das 16. Jahrhundert zurückreichen. Ihre Rechte sind in der großen Flurbereinigung und der damit verbundenen Gewässerbezirksbereinigung berücksichtig worden.

Änderung der Lebensweise und Erwerbszweige der finnischen Sámi

Die traditionelle auf der Jagd und dem Fischfang beruhende Lebensform der Lappen/Sámi befand sich jahrhundertelang im Einklang mit der umgebenden Natur. Generationen gaben ihren Nachkommen das Wissen und die Fähigkeiten weiter, wie man unter den strengen Bedingungen der arktischen Natur überlebt. Die Natur gab Nahrung und auch Bekleidung, und die gegenüber heute bescheideneren Ansprüche der Sámi-Haushalte vertrugen sich gut mit den von den Möglichkeiten der Natur gesetzten Grenzen.

Die Sámi in den tiefergelegenen Waldgebieten haben sich schon immer von Jagd und Tierfang sowie Fischerei aus den Flüssen und Seen ernährt. Skoltsami und Fischersami benutzten von jeher das Rentier zum Transport und zum Melken.

Erst in der späterer Zeit wurden sie im geringen Umfang zum Fleisch- und Fell-Lieferanten. Daneben spielten schon Ackerbau und Viehhaltung (Rinder und Ziegen) eine wichtige Rolle. Ursprünglich wechselten auch Fischersami und Skoltsami ihren Wohnsitz nach den Jahreszeiten, was der besonderen samischen Lebensweise entsprach. Die Fischersami und Skoltsamikultur gehört vor allem zu den grossen Waldgebieten, aber auch zu den Binnenseen und größeren Wasserläufen. In Schweden und Norwegen sind meisten die meisten Bergsamen Halbnomaden. Finnland hat nur ganz wenige Nomaden. Das kommt daher, dass die Grenze zwischen Norwegen und Finnland im Jahre 1852 geschlossen wurde.

Seit dem 18. Jahrhundert war neben der Wild- und Waldrenjagd die Rentierhaltung für viele Sámi-Stämme eine wichtige Lebensbedingung, denn sie gewährte in der unsicheren Jagd- und Fischfangkultur eine Art Lebensversicherung. Die Sámi-Besiedlung konzentrierte sich auch ziemlich exakt auf die Gebiete, die über die stabilsten Ökosysteme verfügten und somit die besten Voraussetzungen für eine Naturwirtschaft boten. Die Rentiere haltenden Gemeinschaften lebten getrennt voneinander, so dass Überbeweidungsprobleme in der Form, wie wir sie gegenwärtig erleben, nur örtlich begrenzt auftraten. Der Rentierbestand verblieb im Verhältnis der zur Verfügung stehenden Nahrung im Gleichgewicht, denn Krankheiten und Raubtiere sorgten für die Auslese überzähliger und zu schwacher Rene.

Nachdem infolge zu intensiv betriebener Jagd die Waldrenbestände zurückgingen, begann sich die Großrentierhaltung seit dem 17. Jahrhundert in den Norden auszubreiten und Weidegebiete zu erschließen. Erst in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg jedoch wurde die Lebensweise der Sámi ähnlich wie die Landwirtschaft einem grundlegenden Wandel unterworfen. Lappland entwickelte sich allmählich zu einer Region, deren Gewerbestruktur von der Wald- und Rentierwirtschaft sowie vom Tourismus geprägt wird. Die in den 1960er- Jahren einsetzende Technisierung der Rentierhaltung sowie der starke Anstieg des Rentierbestands seit den 1970er-Jahren wandelten die traditionelle Rentierhaltung in eine mit Hilfe von Motorschlitten, Geländewagen, Medikamenten gegen Parasiten und Zusatznahrung gemanagte Rentierwirtschaft um, auf die sich größere wirtschaftliche Erwartungen als je zuvor richten.

Diese Entwicklung setzte sich in den achtziger Jahren weiter fort: Geländemotorrad und besondere Geländewagen, mobile Funkgeräte und zuletzt Kleinflugzeug und Hubschrauber erleichtern neben den neuen Rentierzäunen auch im Sommer das Hüten der Rentiere außerordentlich. Die arbeitsintensivsten Zeiten des Jahres sind heute der Mai, wenn die kalbenden Muttertiere bewacht und geschützt werden müssen, und der Hochsommer mit dem Markieren der Kälber. Nach wie vor finden im Spätherbst und Frühwinter die Rentierscheidungen statt, bei denen die Tiere in Gehege getrieben, sortiert, geschlachtet und verkauft werden.

Ein bedeutender, den Wandel beschleunigender Faktor war auch das im Jahre 1974 verabschiedete Rentierhofgesetz, in dessen Schutz hunderte von mit modernem Komfort eingerichtete Einfamilienhäuser im Rentierhaltegebiet gebaut wurden. Für die in einfachen Verhältnissen lebenden Rentierhalter-Sámi bedeuteten das neue Wohnniveau und die moderne Lebensweise eine extrem große Veränderung. Die Sámi wurden in einem rasanten Tempo von der Naturwirtschaft in die von Marktkräften geregelte Geldwirtschaft”bugsiert”. Aus der von den Bedingungen der Natur diktierten Selbstversorgerwirtschaft der Sámi hat sich ein Gewerbe entwickelt, das in einem immer stärkeren Maße moderne Technologie, unternehmerische Tätigkeit und verschiedene Subventionsformen nutzt.

Wegen der kleiner werdenden natürlichen Weidegebiete müssen auch in vielen Rentierweidegemeinschaften der Sámi in zunehmendem Maße zusätzliches Futter für die Tiere von außerhalb in das Gebiet eingeführt werden.

Ende der 1990er-Jahre abgeschlossene, auf Satellitenbildern und auf im Gelände durchgeführten Inspektionen beruhende Untersuchungen deckten auf, dass es nirgendwo mehr sich in gutem Zustand befindliche Rentierflechtenweiden gibt; in besonders bemitleidenswertem Zustand befinden sich die Weidegebiete in den nördlichen Fjäll-Rentierweidegemeinschaften.

An dieser Stelle muss angemerkt werden, dass wegen des schlechten Zustandes der Flechtenweiden auch mittels einer starken Einschränkung des Holzeinschlags die durch die Abnutzung der Rentierweiden entstandenen Probleme nicht gelöst werden können. Wenn man gewillt ist, die Biodiversität in Nordlappland zu erhalten, ist der Weidennutzungsgrad für Rentiere in erheblichem Maße zu verringern.

Das wirkliche Problem der Rentierhaltung im Sámi-Gebiet ist nicht das Betreiben der Waldwirtschaft, sondern die Tatsache, dass es einfach zu viele Rentiere und zu viele Rentierbesitzer gibt. Von Beginn der 1970er-Jahre an ist die Zahl der Rentiere um das Zweieinhalbfache gestiegen.

Im Heimatgebiet der Sámi gibt es derzeit 1000 sámische Rentierzüchter, von denen 60% weniger als 50 Rentiere besitzen. Somit bildet die Herde für immer weniger Rentierbesitzer die Haupteinkommensquelle.

In der Zukunft sollte man deshalb auf eine Veränderung der Struktur des Rentierbestands hin arbeiten. Die arktische Natur erträgt die gegenwärtige Abnutzung nicht. Falls die Rentierwirtschaft nicht auf ein nachhaltiges Fundament gestellt werden kann, kann das gute Image des Rentiers und des Rentierfleischs in der Zukunft wegen der ständig weiter abgenutzten Weiden, der zunehmenden Fütterung, der Einfriedung, der medikamentösen Behandlung und den an den Wegesrändern weidenden Rentieren Schaden nehmen.

Die Rentierwirtschaft ist ein bedeutendes, doch mitnichten das einzige prägende Element der Sámikultur. Moderne Formen des Wohnens und der Fortbewegung sowie andere Erfindungen haben das Leben der Sámi vielfach erleichtert, und seit Jahren besteht kein Zwang mehr, sich die mit der früheren Lebensweise verbundenen Traditionen anzueignen und hochzuhalten. Der ständige Wandel der Gewerbestruktur und auch allgemein die heute angebotenen vielfältigen Erwerbs- und Bildungsmöglichkeiten strecken ihre Fühler auch bis in die entlegensten Dörfer der Sámi aus, und die Sámi selbst gehen inzwischen gewerblichen Tätigkeiten und Berufen nach, die kaum mehr von denen der übrigen Bevölkerung abweichen.

Das Heimatgebiet der Finnlandsámi zählt derzeit lediglich 4000 Bewohner, die für Sámi gehalten werden können; die meisten 5200 sind verstreut über Lappland und die größeren Städte und Siedlungszentren Finnlands. Viele Sámi befürchten auch eine Schwächung ihrer traditionellen Kultur. Beispielsweise in einer anderen Sprach- und Kulturumgebung aufwachsende Kinder werden allmählich völlig der Sámi-Sprache und –Kultur entfremdet. Deshalb sind die Sámi auch mehr besorgt über die Entfremdung der Jungen und ihr Aufgehen in den Hauptbevölkerungen der nordischen Länder als über die Holzeinschläge in den Wäldern Lapplands oder die von Touristen ”eingeschleppten” modernen Einflüsse.

Wer hat das Landbesitzrecht?

Nach heutigem Recht sind Samen nicht Eigentümer ihres Landes - obwohl in jüngster Zeit diese Rechtsfrage wieder kontrovers diskutiert wird -, sondern üben in bestimmten Arealen weitgehende Nutzungsrechte aus. Diese Areale waren früher mit Grenzsteinen gekennzeichnet und konnten unter den Samen verkauft, vererbt oder verschenkt werden. Es hatte deswegen erhebliche Konsequenzen, als die Grenzen Norwegens, Schwedens und Finnlands geschlossen wurden. Dieser Verwaltungsakt unterbrach zum Beispiel die jahrhundertealten Wanderwege der finnischen und schwedischen Berg-Samen an die Eismeerküste. Einige Familien lösten das Problem, indem sie stattdessen in die östlichen Waldgebiete Finnlands zogen und sich den dortigen Lebensbedingungen anpassten.

Das finnische Parlament hat sowohl mit der Verabschiedung des Gesetzes zum Sami-Parlament (1996) als auch mit einer entsprechenden Ergänzung im Grundgesetz, in keinerlei Art und Weise zu Fragen des Landrechts Stellung genommen, da Streitfragen bezüglich des Landrechts im finnischen Rechtssystem in der Regel nur von Gerichten entschieden werden. Die Anerkennung der Samen als Urbevölkerung Finnlands entscheidet auch nicht über Fragen, inwieweit andere Bevölkerungsgruppen Rechte haben oder ihnen diese zustehen. Die Einhaltung des ILO-Vertrags setzt nicht voraus, dass anderweitige Landnutzungen auch von Dritten ausgeschlossen sind. Dessen ungeachtet sichert die aktuelle Gesetzgebung den Samen schon jetzt vielfältige Erwerbstätigkeitsrechte zu, sowohl auf den traditionell samischen als auch auf den staatlichen Ländereien.

Gemäß des finnischen Rechtssystems können die Samen, wie alle anderen finnischen Staatsbürger auch, in Streitfragen bezüglich des Landbesitzes die Gerichte anrufen. In Schweden versuchten die Samen z. B. 20 Jahre lang über den Rechtsweg ihre Rechte einzufordern, indem sie den Staat verklagten. Das Höchste Gericht entschied letztlich in seinem Urteil, dass die von den Samen erhobenen Ansprüche auf Landbesitz, die sich aus den sogenannten Fjell-Steuerdokumenten ableiten lassen, bereits Ende des 18.Jahrhundert im Zuge der Umgestaltung der Gesellschaft ihre Geltung erloschen wären.

Diejenigen, die am lautesten in dieser Angelegenheit tönen, haben bisher keine rechtshistorischen Dokumente zur Unterstützung ihrer Forderung vorlegen können, denn der Großteil der Rentiersamen ist erst nach 1852 nach Finnland gezogen, so dass sie hier keinerlei ältere Besitzansprüche haben können. Im Unterschied dazu haben die Familien der Fischer- und Waldsamen zur Unterstützung ihrer Forderung Dokumente vorgelegt, die schon aus dem 16. Jahrhundert stammen. Und ihre Rechte sind in der großen Flurbereinigung (1926-1959) und der damit verbundenen Gewässerbezirksbereinigung ( 1984-1995) korrekt berücksichtigt worden.

Die Möglichkeiten der Samen, ihre Sprache und Kultur in Finnland aufrechtzuerhalten, sind durch ihre undefinierte verwaltungsmäßige Position und durch die nicht vorhandenen Gesetze geschwächt. In der gegenwärtigen Situation sind die Rechte der Samen als Ureinwohner nicht in dem Maße verwirklicht worden, wie sie in den internationalen Menschenrechtsverträgen definiert werden. Um die Situation zu verbessern, hat das finnische Parlament im Jahre 1993 beschlossen, daß das ausreichende Niveau der samischen Sprache und Kultur aufgrund einer Kulturautonomie zu sichern sei. In 1995 hatte das finnische Parlament einem Vorschlag der finnischen Regierung zu einem neuen Gesetz zugestimmt. Dies soll den Samen die Pflege und die Entwicklung ihrer Sprache und Kultur garantieren.

Außerdem wurde dem Grundgesetz eine Ergänzung hinzugefügt, der zufolge die Samen in ihrer samischen Heimat selbst über die Angelegenheiten bestimmen, die ihre Sprache und Kultur betreffen. Als Selbstverwaltungsorgan der Samen sollte die samische Vertretung "Sami Parlamenta" arbeiten, die vorerst jedoch über keine bedeutende Entscheidungsgewalt verfügen würde. Das neue Selbstverwaltungsgesetz schafft den finnischen Samen trotzdem zum ersten Mal den Rahmen, die Mittel zur Förderung ihrer Sprache und Kultur zu wählen. Das neue Gesetz verpflichtet auch die Beamten, über alle die Samen betreffenden Angelegenheiten zu diskutieren. Das Nichtvorhandensein einer solchen Verpflichtung empfanden die Samen früher als einen erheblichen Mangel.

Wer bin ich?

Ich bin sámischer Herkunft und bei uns zu Hause wurde Nordsámisch gesprochen. Ich machte meine ersten Schritte 1943 in einem kleinen Ort namens Ronkajärvi, 15 km südlich von Inari im nördlichen Lappland. Meine Familie blickt auf eine jahrhundertelange Tradition als Rentierhalter zurück. Auch ich habe als Rentierhalter und Fischer gearbeitet, bevor ich in den 70er Jahren nach Helsinki übersiedelte. Von 1976 bis 1999 war ich in leitender Funktion im Sámi-Parlament tätig. Außerdem habe ich mehr als 20 Jahre die sámische Zeitschrift "Sapmelas" herausgegeben und konnte so die Entwicklungen sowohl vor Ort wie in den Medien bestens verfolgen.

Jouni Kitti

 
 
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